| JULIANE WAGNER
FEHRBELLIN: Hinterrn Laken regt sich was. Das Gewebe
wölbt sich, bebt und auf dem weißen Leinen
zeichnen sich Konturen eines Körpers ab. Was ist
das? Was wird gespielt im Billardzimmer des Fehrbelliner
Hofes? Ganz einfach: Karneval. Hinter den an einer Wäscheleine
baumelnden Laken werden die Stars und Sternchen der
diesjährigen Session gemacht. Es ist viertel zehn
in dieser milden Winternacht. Durch den Thekenraum wabert
blauer Qualm. Er kommt aus dem Saal, in dem seit gut
einer Stunde die Narren los sind. Hinter dem weißen
Vorhang, der halb- und splitterfasemackte Mitglieder
des Karneval Klubs zumindest teilweise vor Blicken schützt,
sitzt Marianne Sternbeck und verschnauft. Gerade beginnt
im Saal die nächste Nummer - ihre Chance, sich
kurz zu erholen. Obwohl die Frau mit dem kurzen schwarzen
Haar in acht Wochen 80 wird, ist sie auf Pausen nicht
angewiesen. Seit 1954, dem Gründungsjahr, ist "Mutter
Stembeck" die gute Seele des FKK. Und noch immer
fit wie ein Turnschuh. Bitzschnell ist sie zur Stelle,
wenn Hilfe gebraucht wird. Am Kragen ihrer schwarzen
Weste trägt Marianne Sternbeck eine Sicherheits-
und eine Nähnadel mit hellem Faden. Es kommt schon
mal vor, dass kurz vorm Auftritt eine Hosennaht platzt",
erzählt sie und schmunzelt frech, Dann ist schnelle
Hilfe gefragt. Ich flicke sie dann wieder." Sitzt
ein Kostüm nicht wie es sitzen soll, zupft Marianne
Sternbeck es zurecht. Sie hat den Hut auf in der stets
improvisierten Garderode, sie weiß, wo welches
Kleid hängt, wer wann welche Requisite braucht,
wer wohin raus und auf die Bühne muss.
"Was wären wir ohne unsere Mutter Sternbeck?",
fragt Programmdirektor Tom Berger in die Runde. Doch
antworten muss keiner mehr. Die Sternbeck ist von Anfang
an dabei. Ihr kann keiner mehr etwas vormachen beim
FKK. Dabei ist sie zum Karneval gekommen wie die Jungfrau
zum Kinde. Ich kannte das alles gar nicht", sagt
die rüstige Dame, die am 22. März 1922 im
Kreis Königsberg geboren wurde. Erst nach dem Krieg
kam Marianne Sternbeck nach Fehrbellin, wo sie ihren
Mann kennen lernte. Der wiederum kam aus dem Rheinland
und war dort - selbstredend - mit Büttenreden,
Elferrat, Tamm und Tschingderassabum aufgewachsen. "Dann
haben wir den Klub gegründet" erinnert sie
sich und faltet verlegen die Hände.
Über sich selbst zu reden ist ihre Sache nicht.
Dabei hat Marianne Sternbeck wirklich viel zu sagen.
Das Geheimnis ihres jungen Aussehens jedenfalls verrät
sie: "Ich bin immer in Bewegung." Nicht nur
vor dem Karneval, wenn ab September wöchentliche
Proben auf dem Plan stehen, sondern auch privat. Außerhalb
der närrischen Zeit tobt sich Marianne Sternbeck
im Garten aus. "Der ist groß", lächelt
sie. "Da hab' ich immer was zu tun." Mit der
Landwirtschaft groß geworden, ist die 79-Jährige
an schwere Feldarbeit gewöhnt. Kürzer treten
will sie nicht, sagt sie: "Ich kann doch gar nicht
stillsitzen." Und so geht Marianne Sternbeck kegeln,
hilft ihrem Sohn in seinem Neuruppiner Blumengeschäft
oder am Stand auf dem Wochenmarkt, erledigt Handarbeiten,
liest oder sieht fern ("Aber nur abends.")
irgendwie, sagt sie, "kriege ich den Tag immer
rum."
Am liebsten ist ihr aber doch die fünfte Jahreszeit.
Wenn es im Luchstädtchen wieder "Rhinland
Alaaf" heißt, läuft Maianne Sternbeck
Jahr für Jahr zu Höchstform auf. Bis zwei,
"machmal wird es auch halb drei", hält
die Pensionärin in einer Nacht wie dieser durch.
"Wenn man erst angefangen hat, kommt man nicht
mehr davon los", erklärt sie, was sie so fasziniert
am Fasching. Eine Leidenschaft, die in der Familie liegt:
Kurz nach seinem zehnten Geburtstag war ihr Sohn zum
ersten Mal dabei. Auch er kennt heute "nichts Schöneres
als Karneval".
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